"Er ist halt wie ein Kind." Drei Mythen über Sexualität und Beeinträchtigung, die wir hinterfragen sollten.
Menschen mit Beeinträchtigung gelten oft als asexuell, als ewige Kinder oder als triebgesteuert. Eine Geschichte aus meiner Praxis zeigt, warum alle drei Mythen nicht stimmen und wie das SEED-2 hilft, hinter herausforderndem Verhalten das Bedürfnis zu erkennen.
Herr B. ist 34. Seit zwölf Jahren lebt er auf einer Wohngruppe. (Name und Details geändert.)
Als mich das Team anrief, fielen innerhalb von zehn Minuten drei Sätze.
Die Mutter sagte: «Mit Sexualität hat er nichts am Hut. Er ist doch wie ein Kind.»
Eine Betreuungsperson sagte: «Er greift uns bei der Pflege an die Brust. Der ist einfach triebgesteuert.»
Und die Leitung fragte, ob man nicht über ein Medikament nachdenken müsste.
Asexuell, ewiges Kind, triebgesteuert: drei Mythen in einem einzigen Fall. Und alle drei führen am Menschen vorbei.
Mythos 1: "Er hat keine Sexualität."
Herr B. hat einen erwachsenen Körper, mit erwachsenen Hormonen und erwachsener Lust. Sexualität fragt nicht nach dem IQ. Wer sie übersieht, nimmt ihm nicht das Bedürfnis weg. Er nimmt ihm nur die Sprache dafür und die Begleitung.
Mythos 2: "Er ist wie ein Kind."
Hier wird es spannend. Gemeinsam mit dem Team haben wir mit dem SEED-2 hingeschaut, dem Schema der emotionalen Entwicklung. Es zeigt: Herr B. steht in mehreren Bereichen emotional etwa auf dem Stand von eineinhalb bis drei Jahren. Er braucht viel Körpernähe, Sicherheit und Berechenbarkeit. Den Unterschied zwischen privat und öffentlich kann er so noch kaum verinnerlichen, und dasselbe gilt für das Gespür für die Grenzen anderer.
Aber emotional jung heisst nicht Kind. Herr B. ist ein erwachsener Mann mit 34 Jahren Lebenserfahrung. Das SEED beschreibt, welche emotionalen Bedürfnisse er hat. Es ist kein Etikett, das ihn kleiner macht.
Mythos 3: "Er ist triebgesteuert."
Mit der SEED-Brille sah das Verhalten plötzlich anders aus. Die Griffe kamen fast immer abends, bei wechselndem Personal und in der Pflegesituation. Also genau dann, wenn ihm Nähe und Sicherheit am meisten fehlten. Da war kein Trieb ausser Kontrolle. Da war ein erwachsener Körper mit einem emotional jungen Bedürfnis, das keinen anderen Weg kannte.
Was sich verändert hat
– Herr B. hat fest geplante Zeit für sich in seinem Zimmer, mit einem Bildsymbol für «privat».
– Er bekommt Nähe auf verlässlichen Wegen: feste Beziehungszeit, eine Gewichtsdecke und ein Ritual beim Zubettgehen.
– Bei Grenzüberschreitungen reagiert das ganze Team gleich, nämlich ruhig, kurz und klar, mit denselben Worten.
Nach einiger Zeit wurden die Übergriffe deutlich seltener. Ein Medikament war kein Thema mehr.
Wichtig ist mir dabei: Verstehen heisst nicht entschuldigen. Übergriffiges Verhalten muss gestoppt werden, und Mitarbeitende haben ein Recht auf Schutz. Wer aber nur das Verhalten stoppt, ohne das Bedürfnis zu verstehen, bekämpft das Symptom. Der Druck sucht sich dann einen neuen Weg.
Darum ist das SEED-2 für mich eines der wertvollsten Werkzeuge in der inklusiven Sexualpädagogik:
Wer das emotionale Entwicklungsalter kennt, reagiert nicht mehr nur auf das Verhalten, sondern auf das Bedürfnis.
Vielleicht erkennen Sie sich in dieser Geschichte wieder. Als Angehörige, die spüren, dass da mehr ist. Oder als Team, das bei herausforderndem Verhalten an seine Grenzen kommt und nicht mehr weiter weiss.
Dann müssen Sie damit nicht allein bleiben. Gemeinsam schauen wir hin, verstehen das Bedürfnis hinter dem Verhalten und finden Wege, die für alle tragen.
Nehmen Sie Kontakt mit mir auf, telefonisch unter 079 407 20 00 oder per Mail an kontakt@janschirmer.ch. Oder besuchen Sie mich am 12. und 13. März 2027 an der Swiss Abilities, am Gemeinschaftsstand mit sebit schweiz und dem Verein myPeer.
Welches Verhalten würden Sie gerne endlich verstehen, statt es nur zu stoppen?
SEED-2: Sappok et al., weiterentwickelt aus dem SEO nach Došen.